ESSEN FÜR LEIB UND SEELE
Goldene Regeln für ein spirituelles Leben
Jeder sucht Ruhe und Frieden, aber beides entzieht sich dem Menschen immer wieder. Alle unsere Anstrengungen auf diesem Gebiet sind umsonst und erweisen sich als fruchtlos. Weshalb? Weil wir unsere Bemühungen in die falsche Richtung lenken. Der Mensch lebt auf zwei Ebenen: der äußeren und der inneren. Wir müssen erst die äußeren Dinge in Ordnung bringen, bevor wir ins Innere eintreten können, um dann von dort Frieden in die äußere Ebene zu tragen. Drei Faktoren sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung: 1. richtige Beschäftigung, 2. richtige Lebensführung und 3. richtige Ernährung.
Eine einfache Kost ist nahrhafter und bekömmlicher und dient dem spirituellen Fortschritt mehr als alle sogenannten Delikatessen, die die heutige kulinarische Kunst uns anbietet.
Ehrlicher Lebensunterhalt
„Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“, lautet das Sprichwort. Wir müssen sowohl den Körper als auch den Geist gesund erhalten, damit wir beide als Werkzeug für den spirituellen Fortschritt gebrauchen können. Ohne Nahrung können wir Leib und Seele nicht zusammenhalten. Unser erstes und wichtigstes Problem ist daher die Ernährung, denn die Nahrung erhält den Körper wie auch den Geist. Die richtige Art der Nahrung, auf ehrliche Weise erworben, in rechter Weise zu sich genommen, trägt erheblich dazu bei.
Zunächst sollte der Mensch nicht auf Kosten anderer leben. Wir müssen unseren Lebensunterhalt mit einer ehrlichen und nützlichen Tätigkeit verdienen, ganz gleich ob auf körperliche oder geistige Art. Sie muss jedoch ohne Falsch, Heuchelei, Übelwollen und Feindseligkeit sein, denn das karmische Gesetz wirkt unerbittlich. Jede Handlung führt zu einer Reaktion, und so geht die endlose Kette von Ursache und Wirkung unaufhörlich weiter. Daher ist es nötig, ein ehrenhaftes Leben zu führen, mag es auch noch so dürftig sein.
Einfache Kost
Die Nahrung ist bekanntlich für den Menschen geschaffen, und nicht der Mensch für die Nahrung. Wir müssen, wie auch von allen anderen Dingen des Lebens, den richtigen Gebrauch davon machen. Wer ein Sklave seines Gaumens ist, kann nichts Nützliches zustande bringen. Durch redliche Kontrolle unseres Gaumens können wir unseren gesamten physischen und geistigen Organismus unter Kontrolle halten.
Eine einfache Kost ist nahrhafter und bekömmlicher und dient dem spirituellen Fortschritt mehr als alle sogenannten Delikatessen, die die heutige kulinarische Kunst uns anbietet. Einfache Kost wird immer ein angenehmes Gefühl hervorrufen und Gemütsruhe bewirken. Außerdem hilft sie einem, mit den verfügbaren Mitteln auszukommen, wie bescheiden sie auch immer sind, ohne dass man die Hand vor anderen ausstrecken muss.
Drei Arten von Speisen
Nun zu den Speisen, die von dreierlei Art sind:
- Reine Nahrungsmittel (sattvisch): Milch, Butter, Käse, Reis, Hülsenfrüchte, Getreide, Gemüse, Früchte und Nüsse.
- Anregende Nahrung (rajasisch): Pfeffer, Gewürze, saure und bittere Speisen.
- Schwächende Nahrung (tamasisch): Zu alt gewordene Speisen, Eier, Fleisch, Fisch, Geflügel, Wein und andere alkoholische Getränke.
Von diesen drei Arten sollten wir stets sattvische oder reine Nahrungsmittel vorziehen. Sie bewirken viel Gutes; doch auch davon sollten wir immer ein bisschen weniger zu uns nehmen, als wir zum Sattwerden brauchen. Delikate Speisen verleiten dazu, mehr zu essen als nötig, und dieses Zuviel an Nahrung erweist sich eher als nachteilig, statt uns zusätzlich Kraft und Gesundheit zu geben.
Maßvolles Essen fördert das Wachstum der menschlichen Lebenskräfte. In den Puranas (alten Hinduschriften) beklagt sich der allegorische Gott der Speisen bei Lord Vishnu, dem Erhalter des Universums, darüber, dass ihn die Menschen in hohem Maße missbrauchten. Lord Vishnu erwidert humorvoll: „Wer zu viel isst, den musst du essen; das ist das einzige, was hilft.“
Gesunde Lebensweise
Frische Luft ist der wichtigste Teil unserer Ernährung. Man sollte in langen, tiefen Zügen einatmen, den Atem etwas anhalten und dann völlig ausatmen, um alle Unreinheiten aus dem Körper auszustoßen. Außerdem sollte man viel reines Wasser trinken und Fruchtsäfte zu sich nehmen, um den gesamten Organismus durchzuspülen und zu reinigen. Alle Arten von gesundheitsschädlichen Getränken, Spirituosen und Rauschmittel sind zu meiden, da sie Gemüt und Verstand krank machen. Körner und Früchte sollten die Grundlage unserer Ernährung bilden.
Wie schon gesagt, muss der Mensch seinen Lebensunterhalt auf saubere, rechtschaffene und ehrliche Weise selbst verdienen. Die Hausfrau ist dazu angehalten, die sattvischen Speisen mit Liebe zuzubereiten und dabei an Gott zu denken. Wenn die Hände bei der Arbeit sind, während die Gedanken liebevoll bei Gott verweilen, wird das so bereitete Mahl zum Segen für alle, die daran teilhaben.
Iss weniger und bleibe glücklich
Sheikh Saadi, ein großer Mystiker und Dichter aus Shiraz in Persien, erklärte immer wieder, man solle seinen Magen in vier Teile einteilen: die Hälfte sollte für eine begrenzte Menge einfacher Nahrung reserviert sein, ein Viertel für reines, klares Wasser, und das letzte Viertel für das Licht Gottes.
Aus dem Leben von Hazrat Mohammed, dem Propheten des Islam, ist uns folgende Begebenheit überliefert: Eines Tages kam ein Arzt zu ihm und bot ihm seine Dienste für die Kranken und Leidenden unter den Gefährten des Propheten an. Der Arzt verbrachte dort etwa ein halbes Jahr in müßigem Nichtstun, da keiner aus dem Gefolge des Propheten erkrankte. So wandte er sich an den Propheten und bat um seine Entlassung, da niemand seiner Dienste bedürfe. Hazrat Mohammed entließ den Arzt mit einem milden Lächeln auf den Lippen und sagte: „Solange die Gemeinde die Anweisung befolgt, wird sicher niemand krank, denn alle leben nach einer heilsamen Grundregel – immer ein bisschen weniger zu essen, als ihnen der Hunger eingibt, und ein reines Leben mit redlichem Einkommen zu führen.“
Alle Heiligen leben von sehr einfacher Kost. So auch Shams-i Tabris, ein muslimischer Heiliger, und Soami Shiv Dayal Singh, die beide nach dem Grundsatz lebten: „Iss weniger und bleibe glücklich.“ Einfache Kost und eine reine Lebensführung, gepaart mit hoher Gesinnung und Moral, machen all die Stärkungsmittel überflüssig, die den Markt heutzutage überschwemmen.
Wer nach Gottverwirklichung strebt, darf die Gefühle anderer nicht verletzen, denn das menschliche Herz ist der Sitz Gottes.
Geistig-moralische Aspekte
Die sattvische Nahrung hält Kopf und Herz von allen Unreinheiten frei. Täglich lesen wir, dass Verbrechen und Korruption ständig zunehmen und dass die Polizei die verschiedensten Spezialeinheiten aufstellt, um dieser wachsenden Bedrohung zu begegnen.
„Esst, trinkt und seid fröhlich“, lautet die Devise. Jeder will sich amüsieren – indem er auf Reisen geht oder Kinos und andere Vergnügungsstätten besucht, und dabei lebt er über seine Verhältnisse. Wie aber zu mehr Geld kommen? Da kann nur Aladins Wunderlampe helfen. Ein ehrlicher Mensch kann gerade Leib und Seele zusammenhalten. Doch nur ganz wenige bringen es fertig, sich den Versuchungen und Fallstricken der Glitzerwelt zu entziehen.
Die meisten von uns führen ein Leben voll Lust und Gier: Die einen leiden an der Lust der Augen, die anderen an der Lust der Ohren und wieder andere unter den diversen Begierden des Fleisches. Wir nehmen keine Rücksicht auf die Frauen, Töchter und Schwestern der an deren und laufen ihnen blindlings nach. So befindet sich die Welt in einem Zustand rasch fortschreitenden Verfalls.
„Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist.“ Willst du wissen, wie deine Kinder heranwachsen, dann achte auf ihre Kameraden; von ihnen kannst du leicht auf deine Kinder schließen.
Zehn Leitlinien
Wir sind alle von Gott geschaffen. Wir alle sind verkörperte Seelen. Die Seele ist vom gleichen Wesen wie Gott; er lebt in uns allen. Deshalb sollten wir einander lieben. Jesus hat dies sein Leben lang gepredigt, auch Paulus hat das gelehrt. Im Koran steht geschrieben: „O Menschenkinder, tut Gutes, seid gut zu euren Eltern, zu euren Verwandten, zu den Waisen, zu den Armen und Bedürftigen, zu euren Nachbarn und zu euren Mitmenschen; ein solches Leben erfreut Allah.“ – „Allah lebt in jedem von uns; den Hochmütigen und den Selbstsüchtigen hat Gott nicht gern.“
Wer nach Gottverwirklichung strebt, darf die Gefühle anderer nicht verletzen, denn das menschliche Herz ist der Sitz Gottes. Deshalb schärft ein Meister-Heiliger seinen Schülern stets ein,
- Liebe und Achtung für die gesamte Schöpfung zu hegen, von der höchsten bis zur niedrigsten Art;
- Gewaltlosigkeit zu üben, und zwar bis in die tiefsten Tiefen des Herzens;
- wahrhaftig zu sein;
- die Gefühle anderer nicht zu verletzen, sei es in Gedanken, Worten, Symbolen oder Taten;
- sich jedermann gegenüber freundlich zu erweisen;
- ein heiteres Wesen zu zeigen;
- an das angeborene Gute im Menschen zu glauben;
- andere nicht zu beschimpfen;
- sich weder mit Verleumdungen noch Schmeicheleien abzugeben und nicht in eitles Streben zu verfallen;
- Anschuldigungen zu vermeiden, denn sie fallen nur umso heftiger auf den Urheber zurück.
Achtsamkeit in Gedanken und Taten
Der Mensch wird, wie er denkt. Nichts auf der Welt ist gut oder schlecht, erst unser Denken macht es dazu. Wir sind wie Mango- oder Pfeffersamen: ein Mangosamen, den man in die Erde legt, sammelt alle Süße aus dem Boden, während ein Pfefferkorn nichts als Bitterkeit an sich zieht. Wir ziehen die Impulse aus der Atmosphäre an, die unserer geistigen Einstellung entsprechen.
Im Mahabharata, der großen altindischen Heldendichtung, heißt es, dass gute Taten die äußeren Zeichen eines selbstbeherrschten, reinen Lebens sind. So wie man den Baum an seinen Früchten erkennt, erkennt man den Menschen an seinen Taten. Dies ist eine große Lehre von hohem Wert. Sie hilft dem Menschen, sich zu entfalten und sich hier wie im Jenseits Achtung zu erringen. Ein solcher Mensch wird ein Freund aller Geschöpfe sein, weil er keines von ihnen tötet oder verletzt, nicht einmal die niedrige Ameise oder die fleißige Biene. Eines Tages wird er gewiss die Wahrheit erkennen.
Rechtschaff enheit und Aufrichtigkeit
Bedenkt, dass verdienstvolle Handlungen euch nichts nützen, wenn ihr nicht zugleich ein gutes, moralisches Leben führt. Die Menschen lassen sich auf die Dauer nicht täuschen. Irgendwann kommt die Katze aus dem Sack. Die Leute werden euch nicht lange blind vertrauen und eure Worte für bare Münze nehmen. Verzeiht, aber woher kommt es, dass religiöse Vereinigungen oder Prediger so leicht in Verruf geraten? Nur daher, dass sie nicht selbst nach den Lehren leben, die sie anderen predigen.
Ein spiritueller Mensch hat eine aufrechte Gesinnung und ein rechtschaffenes Herz. Er ist innerlich wie äußerlich voll Frieden. Sein Verhalten ist untadelig, offen und fair. Seine Aufrichtigkeit entspringt der Tiefe seines Herzens. Er behält seine eigenen Schwächen im Auge und merzt sie eine nach der anderen durch Selbstprüfung aus. Soami Shiv Dayal Singh rät, jeden einzelnen Fehler in sich aufzuspüren und zu beseitigen.
Alle Heiligen haben mit dem gleichen Nachdruck dasselbe gesagt:
- Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
- Behandle andere so, wie du willst, dass sie dich behandeln.
An diesen beiden Grundprinzipien hängt die gesamte Religionsphilosophie. Wenn jemand sich diese zwei goldenen Regeln zu Eigen macht, wird sich sein Leben mit Sicherheit wandeln. Wer seinen Feinden liebevoll begegnet, wird sie schnell entwaffnen. Versucht, so weit wie möglich niemanden zu verletzen. Seid gut zu allen, und ihr werdet mit euch selbst in Frieden leben.

