Wie finde ich einen Meister?

Wie finde ich einen Meister?

Spirituelle Kernfragen, meisterhaft geklärt

„Wer suchet, der findet.“ Gilt das auch für die Suche nach einem Meister? Die einen suchen und finden, andere suchen nicht und werden doch gefunden. Wie ist das zu erklären?

VORGESTELLT. Soami Divyanand, Jahrgang 1932, lehrt seit mehr als dreißig Jahren den spirituellen Pfad des inneren Lichts und Klangs, der in allen heiligen Schriften bezeugten Offenbarungsformen Gottes.

FRAGE: Woran erkennt man einen vollkommenen Meister?

ANTWORT: Die heiligen Schriften erklären, dass es für einen vollkommenen Meister keine besonderen äußeren Erkennungsmerkmale gibt. Der einzige Maßstab ist, dass er Gott verwirklicht hat und ihn uns offenbaren kann. Wie kann man ihn also ausfindig machen? Ich will drei Beispiele aus der Geschichte der Heiligen anführen, die darauf Antwort geben.

BEISPIEL EINS. Der junge Jaimal Singh hatte ein starkes Verlangen nach Gotterkenntnis und setzte daher alles daran, den vollendeten Meister seiner Zeit zu finden. Zwölf Jahre lang ging er in die Wälder und Berge und suchte nach ihm – vergebens. Schließlich traf er einen Mann, der ihm erzählte, ein solcher Meister namens Soamiji wohne in Agra. Jaimal notierte sich die Anschrift. Doch auf dem Weg nach Agra verlor er sie. Agra ist eine große Stadt, und so war es Jaimal Singh unmöglich, den Meister dort zu finden.

Als er schließlich keinen Ausweg mehr sah, setzte er sich eines Tages ans Flussufer und betete. Kurz darauf kamen zwei Männer vorbei, die gerade zueinander sagten: „Das war ein sehr klarer Vortrag, den Soamiji soeben gehalten hat.“ Jaimal Singh bat sie um die Adresse. Dort angekommen, stellte er dem Meister viele Fragen, bis er am Ende zufrieden gestellt war und die Initiation erhielt

Trotz jahrelanger Suche konnte Jaimal Singh den Meister also nicht finden. Der Meister selbst musste ihn zu sich führen und ihn von seiner Kompetenz überzeugen.

„Es liegt nicht in unserer Macht, einen Meister zu finden. Wir können nur beten und warten, bis es Zeit ist, ihm zu begegnen.“

BEISPIEL ZWEI. Sawan Singh war als Militär-Ingenieur in den Bergen stationiert, um dort ein Bauprojekt zu überwachen. Baba Jaimal Singh, der nun selbst als vollendeter Meister wirkte, reiste ebenfalls dorthin. Bei einem Spaziergang zeigte er auf Sawan Singh und bemerkte zu seiner Begleiterin Bibi Lajo: „Ich bin hierher gekommen, um diesen Mann zu initiieren, und werde ihn einmal zu meinem Nachfolger machen.“ Bibi erwiderte erstaunt: „Aber er hat dich doch nicht einmal begrüßt!“ Der Meister entgegnete: „Ich weiß, dass er mein Schüler sein wird. Aber er weiß noch nicht, dass ich sein Meister bin. In vier Tagen wird er kommen und die Initiation erhalten.“ Genauso geschah es, und nachdem Sawan Singh viele Fragen vorgebracht hatte, war er schließlich zufrieden gestellt und wurde initiiert.

Der Meister muss also den Schüler finden, oder wie Christus sagte: „Der Hirte ist gekommen, um seine Schafe einzusammeln.“

BEISPIEL DREI. Mein Meister Sant Kirpal Singh fragte sich nach Abschluss seiner Ausbildung, was er zu seinem Lebensziel machen wollte, und dachte sieben Tage darüber nach. Dann stand für ihn fest: Das Ziel des Lebens liegt darin, Gott zu erkennen: „Gott zuerst, dann die Welt.“ Mit diesem Entschluss ging er schlafen. Als er im Bett lag, dachte er: „Nun sind schon 24 Stunden vergangen, ohne dass ich etwas für mein Ziel getan habe.“ Da begann er zu weinen und weinte die ganze Nacht hindurch. In diesem untröstlichen Zustand befand er sich zwei oder drei Tage lang. Dann sammelte sich seine Seele und hatte die Vision eines heiligen Mannes, die ihn zufrieden stellte und sieben weitere Jahre im Innern begleiten sollte.

Nach dieser Zeit spazierte er eines Tages am Ufer eines Flusses entlang, als ein Passant ihn ansprach und fragte: „Wollen Sie etwa auch zu dem Meisterheiligen, der hier lebt?“ Kirpal Singh antwortete: „Nein. Aber wenn es hier einen Meisterheiligen gibt, dann möchte ich ihn gerne treffen.“ Wenig später sahen sie am Flussufer einen Mann sitzen, und als Kirpal Singh näher kam, erblickte er in ihm denselben Heiligen, den er aus seinem Innern kannte. Er verneigte sich vor ihm und stellte ihm die einzige Frage, die noch zu klären blieb: „Warum hast du so lang gewartet, um mich zu dir zu führen?“ Der Meister gab zur Antwort: „Dies war der rechte Zeitpunkt.“

Fazit. Eines wird aus allen drei Beispielen deutlich: Wir können den vollkommenen Meister nicht suchen. Wir können ihm nur durch Gottes Gnade begegnen. Wenn das also nicht in unserer Macht liegt, was bleibt uns dann zu tun? Wir können nur beten, und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, werden wir ihm begegnen. Wann und wie dies geschieht, hängt von unseren früheren Handlungen ab. Dann wird er uns initiieren und Gott erfahren lassen.

FRAGE: Und wie fanden Sie selbst zu Ihrem Meister?

ANTWORT: Ich wuchs in einer religiösen Gemeinschaft auf, die den Glauben an spirituelle Meister streng ablehnte. Mir kam es also gar nicht in den Sinn, nach einem Meister zu suchen, obwohl ich schon von klein auf am liebsten stundenlang mit geschlossenen Augen da saß und innen Licht sah. Dieses und weitere Anzeichen für einen spirituellen Hintergrund wusste ich aber damals nicht zu deuten.

Als ich etliche Jahre später einmal beruflich in Schwierigkeiten kam, riet mir ein Kollege, doch seinen Meister um Rat zu bitten. Ich lehnte entschieden ab. Da sagte mir der Kollege voraus: „In vier Jahren wirst auch du initiiert werden, aber von einem anderen Meister.“ Und genau nach vier Jahren wurde ich von Sant Kirpal Singh initiiert, obwohl ich bis zum Schluss alles daran setzte, diesem Schritt auszuweichen.

FRAGE: Sie wollten also gar nicht initiiert werden?

ANTWORT: Ich hatte meiner Religionsgemeinschaft inzwischen den Rücken gekehrt, weil ich dort keine Antwort auf meine Fragen nach einem gangbaren Weg zur Erlösung fand. Nachdem ich mir eine ganze Reihe anderer Lehrer und „Heiliger“ angehört hatte und dort ebenfalls nicht fündig geworden war, hatte ich inzwischen sehr viel Skepsis und Misstrauen aufgebaut. Die Vorträge von Sant Kirpal Singh berührten mich jedoch tief. Trotzdem wollte ich die Initiation nur als Zaungast beobachten und kam deshalb absichtlich zu spät. Zu meiner Überraschung kam der Meister direkt auf mich zu und fragte, ob ich nicht auch initiiert werden wolle, und es war mir einfach nicht möglich, ihm seine Bitte abzuschlagen.

FRAGE: Stellten Sie ihm auch so viele Fragen wie Ihre Vorgänger?

ANTWORT: Nein, obwohl ich sehr enttäuscht war, weil ich bei der Einführung in die Meditation keine befriedigende Erfahrung erhalten hatte. Doch diese Enttäuschung veranlasste mich erst recht, gerade diesen Weg genau zu prüfen und erst dann zu entscheiden, ob er für mich richtig war. So beschloss ich, vierzig Tage lang mindestens acht Stunden der Meditation zu widmen, um vielleicht auf diese Weise überzeugende innere Offenbarungen zu bekommen. Schon nach wenigen Tagen stellten sie sich in einem Maße ein, das keinen Zweifel an dem Weg mehr offen ließ, den ich eingeschlagen hatte.

Antworten: Soami Divyanand

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